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Digital People: Fünf Fragen, fünf Antworten. Folge 3: Prof. Torsten Kröger

Torsten Kröger

Prof. Torsten Kröger folgte nach einer dreijährigen Tätigkeit u.a. als Bereichsleiter für Robotersoftware bei Google X 2017 einem Ruf ans KIT und ist heute Mitglied der Leitung am Institut für Anthropomatik und Robotik (IAR). Er gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Robotik-Forscher. Doch nicht nur im Bereich der Forschung, auch im Bereich der Lehre kann Prof. Kröger wertvolle Kompetenzen und Erfahrungen aufweisen: Von 2010 bis 2013 lehrte er in Stanford, wo er auch heute noch Gastwissenschaftler ist. Er erlebte an der amerikanischen Eliteuniversität in den Staaten eine breit ausgebaute Digitalisierung der Lehre. Dieser Erfahrungsschatz bewegte uns dazu, ihn 2017 als Vortragenden zum ZML-Symposium "Mehrwert für die Lehre – Dialog über die Zukunft der Vorlesungsaufzeichnung am KIT" einzuladen, um eine internationale Perspektive auf das Thema Lehrveranstaltungsaufzeichnung einzubringen. Er antwortet heute in unserer Reihe "Digital People - Experten im Interview" auf vier Fragen zur digitalen Entwicklung und Impulse aus der Robotik und Automation für die Lehre.

 

1) Herr Prof. Kröger, Sie waren im November 2017 bei unserem Symposium zum Thema Vorlesungsaufzeichnung am KIT zu Gast und berichteten von Ihrer Lehre in Stanford. Welche digitalen Features, die an der amerikanischen Eliteuni im Einsatz waren oder die Sie anderweitig kennengelernt haben, würden Sie sich am KIT wünschen und warum?

Jeder Mensch lernt anders. Es gibt Studierende, die lernen am besten in der Vorlesung, in der Bibliothek aus Büchern oder zu Hause für sich am Schreibtisch. Andere wiederum lernen am besten in einer Gruppe, andere nachts oder am Wochenende. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für geeignete Orte und Uhrzeiten. Wie man am besten und effizientesten lernt, muss jeder für sich herausfinden. Ich zum Beispiel bin als Student nur selten in Vorlesungen gegangen – das meiste habe ich aus Büchern gelernt. Mit dem Ziel allen Studenten die besten Chancen für effizientes Lernen zu bieten, ist eine breite Auswahl an Zugängen zum Lernstoff, an medialen Möglichkeiten wichtig. Die Vorlesung ist nur einer von vielen Kanälen.

In Stanford und auch an anderen Eliteuniversitäten sind Hörsäle wie Fernsehstudios, in denen die Lehrveranstaltungen aufgezeichnet und den Studierenden gleich im Anschluss fertig geschnitten zur Verfügung gestellt werden. Mithilfe der Mitschnitte kann jeder Studierende sein Lernen effizient optimieren – auch wenn er zum Beispiel noch einen Job hat, sich um Familie kümmern muss, ein Praktikum macht oder parallel eine andere Lehrveranstaltung hat. Besonders hilfreich ist es, dass man Online-Videos schneller oder langsamer abspielen kann. So kann man sich zum Beispiel Vorlesungsinhalte, die man bereits kennt, oder die einfacher zu erlernen sind, in einer kürzeren Spanne aneignen. Tauchen hingegen anspruchsvolle Inhalte auf, hat man die Möglichkeit, diese wiederholt durchzugehen.

Eine durchgehende Infrastruktur für Aufzeichnungen wäre auch am KIT wünschenswert, um unseren Studierenden ausgezeichnete Lehrbedingungen anzubieten.

 

2) Wo sehen Sie als Experte für Robotik oder Automationssysteme Einsatzszenarien in der Lehre der Zukunft?

Lehre ist immer individuell, da jeder von uns anderes lernt, unterschiedliches Vorwissen und verschiedene Stärken und Schwächen mitbringt. Deswegen ist es wichtig, dass jedem Studierenden die jeweils individuell optimalen Medien zur Verfügung gestellt werden.

Es gibt bereits erste Ansätze, bei denen Verfahren des maschinellen Lernens (an dieser Stelle sind Algorithmen gemeint, die aus Daten lernen) in Lernszenarien zum Einsatz kommen. Die Grundidee hierbei ist, dass sich Systeme online auf Lernende einstellen und zum Beispiel die Geschwindigkeit, das Niveau oder die Lehrmethoden anpassen. Hier sind wir jedoch noch am Anfang. Das Potential ist sehr hoch – vor allem für Online-Kurse. Ob man einen guten Individuallehrenden jedoch jemals ersetzen kann, möchte ich gerne infrage stellen.

 

3) Anfang Juli fand im ZKM das nach Peter Weibel weltweit wichtigste Treffen der digitalen Community, DLD Campus, statt. Der Internetkritiker Andrew Keen interviewte Sie dort zu den Verheißungen und Gefahren der Robotik. An einem Punkt kam zur Sprache, warum nach Ihrer Meinung Innovation in Europa langsamer voranschreitet als zum Beispiel in der „Bay Area“, spezifischer im Silicon Valley. Sie nennen als einen Grund die großzügige Investitionsmentalität in den Staaten, der in Europa das ständige Suchen der Forschung nach Finanzierung gegenübersteht. Trifft das nach Ihrer Einschätzung auch auf die digitale Erweiterung der Lehre zu? Könnte sich hier eine innovative Kraft stärker entwickeln, wenn von unternehmerischer Seite oder mit politischer Unterstützung stärker investiert würde?

Die Ausbildung von jungen Leuten – egal ob Akademiker oder nicht – ist essentiell für eine Volkswirtschaft. Die Verbesserung der Ausbildung zum Beispiel durch besser und moderner gestaltete Online-Angebote würde in jedem Fall hilfreich sein. In diesem Umfeld gibt es bereits vielfältige privatwirtschaftliche Aktivitäten aus dem Silicon Valley. Udacity und Coursera sind hier nur zwei von vielen Beispielen. Die Qualität der dort geschaffenen und auf die Online-Lehre zugeschnittenen Inhalte sind zum Teil wirklich herausragend, insbesondere aus didaktischer Sicht. Ratsam ist es auf jeden Fall, sich vorab zu überlegen, welche Inhalte man für welche Zielgruppe auf welcher Plattform, mit welchem Ziel zur Verfügung stellen möchte, um einen volkswirtschaftlichen Mehrwert zu erzielen.

 

4) Und zum Schluss noch eine „persönliche“ Frage: Welche Webanwendungen finden Sie besonders bereichernd, wenn Sie privat im Netz unterwegs sind?

Im Fall der mobilen Smartphoneapps bin ich ein Nutzer einer ganzen Flotte von Anwendungen. Allen voran persönliche Assistenten, die einem das Leben durch Algorithmen des maschinellen Lernens einfacher machen. Ein konkretes Beispiel: Ich hatte kürzlich einen Flug von Kopenhagen nach Frankfurt und war deutlich zu früh auf dem Weg zum Flughafen. Noch auf dem Weg hat eine App mir signalisiert, dass ich einen früheren Flug nehmen könnte. Es wären noch Plätze verfügbar. Mit einem Klick hatte ich dann eine Buchung für die frühere Maschine und war entsprechend zwei Stunden früher zu Hause. Dies ist natürlich nur ein Beispiel von vielen anderen, die im Alltag einen Mehrwert liefern.